Depression, Suicidgedanken...Was ist da los im Studium und in der Weiterbildung?

  • 32 Aufrufe
  • Letzter Beitrag 23 Juli 2017
Dr. Günter Gerhardt schrieb 23 Juli 2017

Der Druck in Studium und Weiterbildung ist groß. Eine aktuelle Studie (wurde durchgeführt nachdem 5 junge Assistenzärzte Selbstmord begangen hatten)  unter angehenden französischen Ärzten zeigt drastische Folgen.
Jetzt bitte nicht denken "ach so in Frankreich!" Auch bei uns gibt es immer mehr depressive Meditinerinnen und Mediziner sowohl im Studium, als auch in der Weiterbildung (s. angehängte Dateien). Es scheint nur noch nichts Schlimmeres passiert zu sein, zumindest ist kein ähnlicher Fall wie in Frankreich öffentlich geworden.(s.auch Kategorie Medizinjournalismus)

Laut der französischen Studie hat jeder 4. Medizinstudent oder Arzt in Weiterbildung schon mindestens einmal daran gedacht, sein Leben durch die eigene Hand zu beenden. 738 der 22 000 Befragten gaben sogar an, bereits einen Suizidversuch unternommen zu haben. Zwei Drittel der befragten Studenten und jungen Krankenhausärzte gaben dabei an, an Angststörungen zu leiden oder ds Gefühl zu kennen. Mehr als jeder Vierte weist depressive Symptome auf, die durchschnittlich nur bei 10% der allgemeinen Bevölkerung auftreten.

Dr. Günter Gerhardt schrieb 23 Juli 2017

Antwort auf den Artikel „Bankrotterklärung des Systems“ von Dr. Hoffart aus der Ärzte Zeitung von 26.6.2015

Mit großer Freude haben wir den Artikel „Bankrotterklärung des Systems“ von Dr. Jürgen Hoffart gelesen. „Wir“,  das sind die Medizinstudenten und -Studentinnen des Wahlpflichtkurses „Medizinjournalismus“ im Sommersemester 2015 unter der Leitung von Dr. med. Günter Gerhardt. Wir sind im Schnitt Anfang 20, alle haben wir entweder ein überdurchschnittlich gutes Abitur gemacht oder eine sehr lange Wartezeit (mit abgeschlossener Ausbildung und einigen Jahren Berufserfahrung) in Kauf genommen ,um jetzt hier zu stehen wo wir gerade sind –vor dem Physikum.

Der Artikel spricht die Mängel des Systems aus Sicht eines Arztes an. Im Folgenden würden wir gerne aus der Sicht der Studenten berichten. Vorab einige Bemerkungen zu diesen Mängeln: Wenn etwas gut läuft wird kaum drüber berichtet, interessiert auch niemand, „macht keine gute Quote“. Aber getreu der journalistischen Weisheit „bad news are good news“ erzeugt man dann Aufmerksamkeit, wenn gemeckert wird. Wir tun dies nachfolgend auch, wollen aber nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus Seminare, Vorlesungen gibt, die wir gerne besucht haben, weil Wissen vermittelt wurde von Menschen, die uns „wertschätzend“ unterrichteten und motivierten .

Wir wissen Alle, dass das Medizinstudium kein Kindergeburtstag ist, aber dieses Studium, für das wir unendlich viel aufopfern und aufgeopfert haben, muss doch nicht zwangsläufig zu einer täglichen Belastung werden, die krank macht (s. Ärzte Zeitung 2.7.2015).  Es ist auch nicht der Leistungsdruck alleine, der uns krank macht,  sondern es ist ein  ständiger „Begleiter“, nämlich  das zermürbende Gefühl, ununterbrochen einem Aussiebe Verfahren zu unterliegen. Es gibt Situationen, in denen man sich schlicht und einfach verarscht vorkommt.

Die mangelnde Absprache in der Lehre, die wie richtig in dem Artikel von Herrn Hoffart angeprangert, fast ausschließlich  von Nicht-Medizinern gehalten wird, („was hat der Physiker davon, wenn ich meine Ziele erreiche und Landärztin werde?!“) führt zu einer Erschaffung zweier Parallelwelten, in denen der Medizinstudent überleben muss. Die eine, in der es darum geht dem stolzen, promovierten, forschenden Biochemiker seine speziellen Fragen aus seiner ganz speziellen Forschungsarbeit zu  beantworten  und der anderen Welt , in der der Student sich einen Überblick verschaffen muss, um die Physikums Fragen des IMPP richtig beantworten zu können. Für dieses Unternehmen hat er 4 Semester Zeit mit einem Tagespensum was um 7 Uhr beginnt und um Mitternacht endet, auch am Wochenende. Die Semesterferien sind ebenfalls weitgehend verplant für z.B. Pflegepraktikas in Krankenhäusern.

An einen Kurs, den man aus reinem Interesse belegt, wie im Studium generale, ist  in diesen 4 Semestern wirklich aus Zeitmangel nicht zu denken! Viele Medizinstudenten wissen bis nach dem Physikum nicht, welche Angebote es an der Uni in dieser Richtung gibt. Dies hat häufig eine starke Vernachlässigung der sozialen Kompetenzen zur Folge, die, wenn wir richtig informiert sind, später im Arztberuf gebraucht werden. Ist das wirklich das Ziel des Medizinstudiums?

Es gibt aber auch Unis an denen es Spaß macht, Medizin zu studieren. An diesen gibt es eine gute Absprache in der Lehre: zum einen innerhalb eines Faches, welches Wissen den Studenten vermittelt werden muss und prüfungsrelevant wird; zum anderen  zwischen  den Instituten, also den verschiedenen Fächern, sodass es beispielsweise  nicht zu zeitlichen Überschneidungen von Veranstaltungen kommt.

Wir in Mainz fühlen uns so, als würde die Lehre gegen die Studenten arbeiten.  Aber es gibt eine Ausnahme: Das Wahlpflichtfach Medizinjournalismus von Dr. Günter Gerhardt. Hier wird zur Abwechslung mal eine angenehme intime Atmosphäre geschaffen, in der man über seine Sicht der Dinge und die Probleme reden kann, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Herr  Dr. Gerhardt versucht  uns  den Blick zu öffnen mit den Möglichkeiten des Journalismus. Wir müssen nicht alles hinnehmen, wir können und müssen es lernen, uns  zu wehren. Er macht uns Mut, stärkt unsere Position und macht uns immer wieder klar, dass wir  gebraucht werden,  dass  Dr. Google  nicht alle gesundheitlichen Probleme lösen kann.  Unsere Frage warum  sich die Ärzte  nicht als Gemeinschaft gegen ständige Anfeindungen der Presse (z.B. im stern vom 18.6.2015 „Die Tricks der Ärzte“), der Politik, der Krankenkassen wehren, kann uns Dr. Gerhardt nicht 100%ig beantworten? Woher kommt das ständige sich Anpassen der Ärzte und Medizinstudenten? Liegt der Grund  vielleicht im immer mehr angepassten Verhalten schon in der Schule, um den NC zu packen, im anschließenden verschulten Studium,  was sich fortsetzt in die Weiterbildung  bis hin zur Tätigkeit im Krankenhaus bzw. der Praxis? Immer gibt es jemand, der  Medizinern sagtwo es lang geht.

Es ist leider traurige Realität, dass fast jeder von uns im Verlaufe dieser 4 Semester an einen Punkt gerät, an dem er über die Erfüllung seines Traumes beginnt zu reflektieren. So erlebt und hört man nicht gerade selten, wie einige von uns die schmerzhafte Enzscheidung treffen abzubrechen – wohlbemerkt nach nicht einmal zwei Jahren!
Doch wer sich entscheidet, die Herausforderung mit all ihren Schattenseiten anzunehmen, hat die Anerkennung und Unterstützung (der Lehrenden) verdient.

 

Lucia schrieb 03 Mai 2016 - 176.7.51.48

 

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich denke diese Grundsaetzliche "Ja-Sagerei" dee Mediziner ist tatsaechlich einfach eine Angst, eine Angst (vor allem waehrend des Studiums) zu versagen und sich seinen Weg zum abgeschlossenen Studium durch zu viel Kritik am System byw der Lehre zusaetzlich erschwert. Ich denke wir sind so sehr zeitlich eingeschraenkt dass wir uns nicht einmal die Zeit nehmen (ider glauben es nicht zu koennen) um darueber nachzudenken etwas zu veraendern. Vielleicht ist es auch eine Resignation ,weil wir glauben eh nichts veraendern zu koennen. Mir sind solcherlei Gedanken schon oft gekommen... aber der Gedanke des Gruppenzusammenhalts und der Staerke, die eine Gruppe gemeinsam hat ist definitiv einer mit Ausblick. .. vielleicht mal die Scheuklappen abziehen.

                 

Close