Depression, Sucht, Suicidalität...Was ist da los im Studium und in der Weiterbildung?

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Dr. Günter Gerhardt schrieb 23 Juli 2017

Der Druck in Studium und Weiterbildung ist groß. Eine aktuelle Studie (wurde durchgeführt nachdem 5 junge Assistenzärzte Selbstmord begangen hatten)  unter angehenden französischen Ärzten zeigt drastische Folgen. In England haben innerhalb von 4 Jahren 430 Ärztinnen und Ärzte ihrem Leben ein Ende gesetzt.
Jetzt bitte nicht denken "ach so in Frankreich (England)!" Auch bei uns gibt es immer mehr depressive Medizinerinnen und Mediziner sowohl im Studium, als auch in der Weiterbildung (s. angehängte Dateien). Es scheint nur noch nichts Schlimmeres passiert zu sein, zumindest sind wohl keine ähnlichen Fälle wie in Frankreich oder England bekannt (geworden).(s.auch Kategorie Medizinjournalismus)

Laut der französischen Studie hat jeder 4. Medizinstudent oder Arzt in Weiterbildung schon mindestens einmal daran gedacht, sein Leben durch die eigene Hand zu beenden. 738 der 22 000 Befragten gaben sogar an, bereits einen Suizidversuch unternommen zu haben. Zwei Drittel der befragten Studenten und jungen Krankenhausärzte gaben dabei an, an Angststörungen zu leiden oder ds Gefühl zu kennen. Mehr als jeder Vierte weist depressive Symptome auf, die durchschnittlich nur bei 10% der allgemeinen Bevölkerung auftreten.

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Dr. Günter Gerhardt schrieb 23 Juli 2017

Antwort auf den Artikel „Bankrotterklärung des Systems“ von Dr. Hoffart aus der Ärzte Zeitung von 26.6.2015

Mit großer Freude haben wir den Artikel „Bankrotterklärung des Systems“ von Dr. Jürgen Hoffart gelesen. „Wir“,  das sind die Medizinstudenten und -Studentinnen des Wahlpflichtkurses „Medizinjournalismus“ im Sommersemester 2015 unter der Leitung von Dr. med. Günter Gerhardt. Wir sind im Schnitt Anfang 20, alle haben wir entweder ein überdurchschnittlich gutes Abitur gemacht oder eine sehr lange Wartezeit (mit abgeschlossener Ausbildung und einigen Jahren Berufserfahrung) in Kauf genommen ,um jetzt hier zu stehen wo wir gerade sind –vor dem Physikum.

Der Artikel spricht die Mängel des Systems aus Sicht eines Arztes an. Im Folgenden würden wir gerne aus der Sicht der Studenten berichten. Vorab einige Bemerkungen zu diesen Mängeln: Wenn etwas gut läuft wird kaum drüber berichtet, interessiert auch niemand, „macht keine gute Quote“. Aber getreu der journalistischen Weisheit „bad news are good news“ erzeugt man dann Aufmerksamkeit, wenn gemeckert wird. Wir tun dies nachfolgend auch, wollen aber nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus Seminare, Vorlesungen gibt, die wir gerne besucht haben, weil Wissen vermittelt wurde von Menschen, die uns „wertschätzend“ unterrichteten und motivierten .

Wir wissen Alle, dass das Medizinstudium kein Kindergeburtstag ist, aber dieses Studium, für das wir unendlich viel aufopfern und aufgeopfert haben, muss doch nicht zwangsläufig zu einer täglichen Belastung werden, die krank macht (s. Ärzte Zeitung 2.7.2015).  Es ist auch nicht der Leistungsdruck alleine, der uns krank macht,  sondern es ist ein  ständiger „Begleiter“, nämlich  das zermürbende Gefühl, ununterbrochen einem Aussiebe Verfahren zu unterliegen. Es gibt Situationen, in denen man sich schlicht und einfach verarscht vorkommt.

Die mangelnde Absprache in der Lehre, die wie richtig in dem Artikel von Herrn Hoffart angeprangert, fast ausschließlich  von Nicht-Medizinern gehalten wird, („was hat der Physiker davon, wenn ich meine Ziele erreiche und Landärztin werde?!“) führt zu einer Erschaffung zweier Parallelwelten, in denen der Medizinstudent überleben muss. Die eine, in der es darum geht dem stolzen, promovierten, forschenden Biochemiker seine speziellen Fragen aus seiner ganz speziellen Forschungsarbeit zu  beantworten  und der anderen Welt , in der der Student sich einen Überblick verschaffen muss, um die Physikums Fragen des IMPP richtig beantworten zu können. Für dieses Unternehmen hat er 4 Semester Zeit mit einem Tagespensum was um 7 Uhr beginnt und um Mitternacht endet, auch am Wochenende. Die Semesterferien sind ebenfalls weitgehend verplant für z.B. Pflegepraktikas in Krankenhäusern.

An einen Kurs, den man aus reinem Interesse belegt, wie im Studium generale, ist  in diesen 4 Semestern wirklich aus Zeitmangel nicht zu denken! Viele Medizinstudenten wissen bis nach dem Physikum nicht, welche Angebote es an der Uni in dieser Richtung gibt. Dies hat häufig eine starke Vernachlässigung der sozialen Kompetenzen zur Folge, die, wenn wir richtig informiert sind, später im Arztberuf gebraucht werden. Ist das wirklich das Ziel des Medizinstudiums?

Es gibt aber auch Unis an denen es Spaß macht, Medizin zu studieren. An diesen gibt es eine gute Absprache in der Lehre: zum einen innerhalb eines Faches, welches Wissen den Studenten vermittelt werden muss und prüfungsrelevant wird; zum anderen  zwischen  den Instituten, also den verschiedenen Fächern, sodass es beispielsweise  nicht zu zeitlichen Überschneidungen von Veranstaltungen kommt.

Wir in Mainz fühlen uns so, als würde die Lehre gegen die Studenten arbeiten.  Aber es gibt eine Ausnahme: Das Wahlpflichtfach Medizinjournalismus von Dr. Günter Gerhardt. Hier wird zur Abwechslung mal eine angenehme intime Atmosphäre geschaffen, in der man über seine Sicht der Dinge und die Probleme reden kann, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Herr  Dr. Gerhardt versucht  uns  den Blick zu öffnen mit den Möglichkeiten des Journalismus. Wir müssen nicht alles hinnehmen, wir können und müssen es lernen, uns  zu wehren. Er macht uns Mut, stärkt unsere Position und macht uns immer wieder klar, dass wir  gebraucht werden,  dass  Dr. Google  nicht alle gesundheitlichen Probleme lösen kann.  Unsere Frage warum  sich die Ärzte  nicht als Gemeinschaft gegen ständige Anfeindungen der Presse (z.B. im stern vom 18.6.2015 „Die Tricks der Ärzte“), der Politik, der Krankenkassen wehren, kann uns Dr. Gerhardt nicht 100%ig beantworten? Woher kommt das ständige sich Anpassen der Ärzte und Medizinstudenten? Liegt der Grund  vielleicht im immer mehr angepassten Verhalten schon in der Schule, um den NC zu packen, im anschließenden verschulten Studium,  was sich fortsetzt in die Weiterbildung  bis hin zur Tätigkeit im Krankenhaus bzw. der Praxis? Immer gibt es jemand, der  Medizinern sagtwo es lang geht.

Es ist leider traurige Realität, dass fast jeder von uns im Verlaufe dieser 4 Semester an einen Punkt gerät, an dem er über die Erfüllung seines Traumes beginnt zu reflektieren. So erlebt und hört man nicht gerade selten, wie einige von uns die schmerzhafte Enzscheidung treffen abzubrechen – wohlbemerkt nach nicht einmal zwei Jahren!
Doch wer sich entscheidet, die Herausforderung mit all ihren Schattenseiten anzunehmen, hat die Anerkennung und Unterstützung (der Lehrenden) verdient.

 

Lucia schrieb 03 Mai 2016 - 176.7.51.48

 

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich denke diese Grundsaetzliche "Ja-Sagerei" dee Mediziner ist tatsaechlich einfach eine Angst, eine Angst (vor allem waehrend des Studiums) zu versagen und sich seinen Weg zum abgeschlossenen Studium durch zu viel Kritik am System byw der Lehre zusaetzlich erschwert. Ich denke wir sind so sehr zeitlich eingeschraenkt dass wir uns nicht einmal die Zeit nehmen (ider glauben es nicht zu koennen) um darueber nachzudenken etwas zu veraendern. Vielleicht ist es auch eine Resignation ,weil wir glauben eh nichts veraendern zu koennen. Mir sind solcherlei Gedanken schon oft gekommen... aber der Gedanke des Gruppenzusammenhalts und der Staerke, die eine Gruppe gemeinsam hat ist definitiv einer mit Ausblick. .. vielleicht mal die Scheuklappen abziehen.

                 

Dr. Günter Gerhardt schrieb 12 September 2018

Suizid unter Medizinern

„Ärzte sind genauso oft depressiv, aber sie bringen sich häufiger um!“

In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als an HIV, Verkehrsunfällen und illegalen Drogen zusammen. Für Ärzte ist das Risiko besonders groß. Der ärztliche Psychotherapeut Professor Reinhard Lindner von der Universität Kassel forscht seit Jahren zu dem Thema. Im Interview erklärt er Ursachen und mögliche Lösungen für das Problem.

Sieht drei Faktoren als Auslöser für das hohe Suizid-Risiko von Medizinern: Professor Reinhard Lindner.
© Sonja Rode/Lichtfang.net

Herr Professor Lindner, Suizidalität ist ein schwerwiegendes gesellschaftliches Problem. Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt 10.000 Personen selbst das Leben. Wie sieht die Situation bei Ärzten aus?

Das Suizidrisiko bei Ärzten liegt um das 1,3- bis das 3,4-Fache höher als in der männlichen Gesamtbevölkerung. Bei Ärztinnen ist es sogar um das 2,5- bis 5,7-Fache höher als in der weiblichen Gesamtbevölkerung. Normalerweise bringen sich Männer dreimal so häufig um wie Frauen, aber zwischen Ärztinnen und Ärzten findet sich dieser Unterschied nicht.

Tritt dieser Effekt auch noch auf, wenn man Ärzte mit anderen Akademikern vergleicht?

Ja, es zeigt sich eindeutig ein Unterschied zu Ingenieuren, Juristen oder anderen akademischen Berufen. Das gilt übrigens auch für Zahnärzte oder Veterinäre – auch sie töten sich häufiger selbst.

Wie sieht es innerhalb der Ärzteschaft aus: Gibt es dort Unterschiede?

Das größte Suizidrisiko haben Psychiater. Darauf folgen Anästhesisten, Chirurgen, Internisten, Neurologen und dann kommen die Allgemeinmediziner. Als häufigste Methode wählen Mediziner dabei die Vergiftung – auch das unterscheidet sie von der Allgemeinbevölkerung. Dort wird sich am häufigsten erhängt.

Was erklärt die erhöhte Suizidrate bei Medizinern?

Das ist in der Tat eine schwere Frage. Die Depressionsrate bei Medizinern ist zum Beispiel nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung. Ärzte sind also genauso oft depressiv, aber sie bringen sich häufiger um.

Könnte es am nötigen Fachwissen und der Verfügbarkeit von letalen Mitteln liegen?

Zurzeit geht man davon aus, dass die erhöhte Suizidrate unter Ärzten zustande kommt, weil drei Faktoren interagieren.

Der eine Faktor ist eine ganz bestimmte Persönlichkeit, die sich bei Ärztinnen und Ärzten besonders häufig findet. Das sind Menschen, die eine hohe Fähigkeit haben, sich mit dem Leid anderer zu identifizieren. Es trifft sie schwerer, als den Durchschnitt der Bevölkerung.

Das kommt gepaart mit einem starken Leistungsethos. Ärztinnen und Ärzte stellen an sich den Anspruch, sehr gut in ihrer Arbeit zu sein. Damit ist oftmals eine höhere Kränkbarkeit verbunden. Diese Kränkbarkeit zeigt sich etwa dann, wenn man den eigenen Leistungsanspruch nicht erfüllt. Noch stärker wirkt das natürlich, wenn die Arbeit von außen kritisiert wird. Diese drei Persönlichkeitsmerkmale, Einfühlungsvermögen, Leistungsethos und Kränkbarkeit, treten bei Ärzten besonders gehäuft auf und sind ein wichtiger Grund für die erhöhte Suizidalität.

Diese Persönlichkeit tritt etwa bei Juristen seltener auf?

Genau, aber natürlich findet sie sich nicht bei jedem Arzt. Menschen sind verschieden. Bei Medizinern tritt sie eben häufiger auf. Und wenn man dann die Suizidenten in der Ärzteschaft genauer anschaut, entdeckt man diese Persönlichkeit besonders oft. Hinzu kommt dann als zweiter Faktor das Wissen über die spezifischen Methoden und die leichte Erreichbarkeit letaler Mittel.

Und letztlich spielt auch die ärztliche Arbeitswelt, in der Schwäche oder Bedürftigkeit keinen Platz haben, eine Rolle. Das wäre Punkt Nummer drei. Die Medizin ist in Deutschland noch immer nach dem preußischen Militärrecht strukturiert. Darin sind sehr steil aufgestellte Karriereleitern zu erklimmen. Daraus können Überstunden, Nachtarbeit, Schlafmangel und soziale Deprivation folgen. Das verstärkt noch die Erwartungshaltung – von Vorgesetzten, aber auch von Ärzten selber – jederzeit für die benötigte Hilfe anderer zur Verfügung stehen zu müssen.

Wie lassen sich – bei diesen Voraussetzungen – Suizide bei Ärzten verhindern?

Es ergibt natürlich, auch bei Ärzten, Sinn, psychiatrische Störungen, wie Depressionen früh zu erkennen. Das ist ein wichtiger Punkt.

Gibt es konkrete Präventionsprojekte?

In Gießen wurden zum Beispiel Kurse in das Medizinstudium aufgenommen, die über Stressoren im Arztberuf informieren und mögliche Bewältigungs- und Vorbeugemaßnahmen aufzeigen. Ob diese Maßnahme Wirkung zeigt, lässt sich natürlich schwer belegen. Da haben Sie natürlich das Problem der kleinen Zahlen, wenn so ein Projekt nur an einer Universität läuft.

Die von Ihnen beschriebenen Faktoren wirken sehr grundlegend. Lassen die sich überhaupt durch solche Kurse beeinflussen?

Diese Kurse versuchen, den jungen Ärzten mögliche Gefahren aufzuzeigen. Ihnen zu sagen: Leute, hinterfragt euer Selbstbild! Geht fürsorglich mit euch selbst um und lernt, professionell und zugleich engagiert mit dem Leid anderer umzugehen. Die Forderung wäre, solche Seminarinhalte mehr in die Ausbildung von Medizinern zu implementieren. Je früher desto besser.

Und wenn ein Arzt schon im Beruf ist, was hilft dann?

Es ist nachgewiesen, dass Intervision und Supervision, also der kollegiale Austausch außerhalb der Hierarchie sehr viel bringen. Da können sie dann schwere Fälle oder auch Probleme mit Kollegen besprechen.

Was kann ein niedergelassener Arzt machen?

Auch da gilt: Die Warnung vor der Aufopferung. Und auch hier könnten natürlich mehrere niedergelassene Ärzte sich in einer Intervisionsgruppe treffen. Ärzte sollten sich aber auch nicht davor scheuen, eine Psychotherapie zu machen. Seit etwa 20 Jahren machen das ja zum Beispiel alle Psychiater in Ausbildung zum Facharzt. Das ist verpflichtend und hat einen positiven Effekt.

Aber das sind doch noch immer die Ärzte, die sich am häufigsten suizidieren.

Das stimmt, aber es sind deutlich weniger als in den Jahren davor.

Woran lässt sich erkennen, ob ein Kollege oder eine andere Person in meinem Umfeld suizidal ist?

Es gib einige Anzeichen: Wenn sich eine Person aus sozialen Beziehungen zurückzieht – das muss kein physischer, das kann auch ein emotionaler Rückzug sein. Eine Kühle, die man plötzlich im Kontakt wahrnimmt. Auch eine sonst unerklärbare Reduzierung der Arbeitsleistung kann ein Hinweis sein. Immer ernst nehmen sollte man konkrete Suizidpläne oder den geäußerten Wunsch, „einfach weg“ zu sein.

Wie kann man dann das Thema ansprechen?

Es ist immer wichtig, dabei auf die jeweilige Beziehungsform zu achten: Welche Hierarchien bestehen, welche Abhängigkeiten und wie ist das Vertrauensverhältnis? Es ist in jedem Fall falsch, schnelle Lösungsvorschläge oder Lebensweisheiten vorzutragen. Stattdessen sollte man dem Kollegen Verständnis und Wertschätzung entgegenbringen, eine Entlastung anbieten und auf konkrete, professionelle Hilfen hinweisen. Für Ärzte ist gerade letzteres oft besonders schwer, denn es bedeutet, in die Rolle eines Patienten zu wechseln.

Hier gibt es Hilfe

Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, darüber mit anderen Menschen zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern lauten 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Weiterhin gibt es das Angebot eines Hilfe-Chats, den ebenfalls die Telefonseelsorge anbietet. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite der Telefonseelsorge. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de

28.06.2018 14:52:08, Autor: Das Interview führte Rasmus Cloes

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Dr. Günter Gerhardt schrieb 12 September 2018

12.9.2018: Es ist eines der letzten Tabus, Ärztinnen und Ärzte, die selbst psychisch krank sind, die sich mit ihren Problemen aber "oft hoffnungslos allein fühlen". In Großbritannien wird dieses Thema in jüngster Zeit häufiger öffentlich diskutiert...

Die Zahlen sind erschreckend.Zwischen 2011 und 2015 nahmen sich laut offitiellen Statistiken in England 430 Ärztinnen, Ärzte sowie Vertreter anderer Therapeutenberufe das Leben.

Dr. Günter Gerhardt schrieb 12 September 2018

Krankenhaus kann krank machen - v.a. Ärzte und Pflegekräfte

Nicht Klinik macht krank, sondern mangelnde Ressourcen und nicht funktionierende Strukturen, gekoppelt mit antiquiertem Führungsverhalten.

Dr. Günter Gerhardt schrieb 12 September 2018

 Alkohol, Cannabis und Co. - wenn Ärzte süchtig werden

Stress in der Klinik, Druck von Vorgesetzten, schwierige Patienten - es gibt viele Gründe, weshalb Ärzte zur Flasche greifen oder eine Pille einwerfen. Einige kommen davon nicht mehr los. Dr. Siegmund Drexler kennt viele solcher Schicksale. Seit 2007 ist er Drogen- und Suchtbeauftragter der LÄK Hessen.

Dr. Günter Gerhardt schrieb 02 November 2018

Ist das Arzt-Sein zu hart, bist du zu schwach

30.10.2018

Fast jeder zweite Medizinstudent entwickelt depressive Symptome. Was tun? Eine bessere Auswahl treffen. Wirklich? Wir als Ärzte müssen den jungen Kollegen beibringen, mit Belastungen umzugehen. Stattdessen vermitteln wir ihnen, Gefühlsregungen würden sie für den Arztberuf disqualifizieren.

Ich habe vor kurzem einen Artikel im Ärzteblatt gelesen, der mich seitdem nicht mehr wirklich loslässt. Der Absatz, der mich so irritiert hat, ist folgender:

„Tatsache ist jedoch: Bereits bei Medizinstudierenden tritt eine starke psychische Belastung mit häufig schwerwiegenden Auswirkungen auf. Über 40 Prozent der Studierenden entwickeln bereits vor dem ersten Staatsexamen depressive Symptome, eine fast genauso hohe Zahl leidet nach dem Abschluss unter manifesten Depressionen, Angst- und Abhängigkeitserkrankungen. Diese besorgniserregenden Prävalenzen gelten international und heben den dringenden Handlungsbedarf von Beginn des Medizinstudiums an hervor. Insgesamt haben Ärztinnen und Ärzte die höchsten Selbstmordraten unter sämtlichen Berufsgruppen.“


Mit besserer Auswahl gegen „emotionale Schwäche“?

Ich selbst arbeite mittlerweile in einer hausärztlichen Praxis, ich kann mich aber noch gut an die stressigen Zeiten im Studium und in der Klinik erinnern. Und trotzdem erschrecken mich diese Zahlen. Man muss sich das mal vorstellen: Knapp 40 Prozent der Medizinstudenten haben am Ende des Medizinstudiums eine ernsthafte psychische Erkrankung, die, je nach Ausprägung der Erkrankung, ihre Arbeitsfähigkeit, sie selbst und im Endeffekt auch die Patienten bedroht.

Dazu passende Ergebnisse liefern Wissenschaftler aus den USA: In einer Studie beschäftigen sie sich mit der Tatsache, dass die Burnout-Rate bei Medizinern innerhalb von drei Jahren von 45,5 Prozent auf 54,4 Prozent gestiegen ist (2011–2014). Ein besorgniserregender Trend, der im Studium beginnt und sich im Berufsleben manifestiert.

Die Autoren des Artikels im Ärzteblatt haben eine Antwort. Sie kommen zu dem Fazit, dass die Auswahl der prospektiven Ärzte sich verbessern muss und dafür entsprechende Auswahlkriterien gefunden werden müssen. Ich glaube, dass die Autoren vielleicht nur gute Absichten haben und das Problem der Burnout-Epidemie angehen wollen. Sicherlich entspricht die Vorstellung des „geborenen Arztes“ auch dem Zeitgeist. Leider kommt das Fazit für mich aber daher, als wolle man sagen „Ist das Studium zu hart, bist du zu schwach!“ und damit einhergehend ist man dann auch für den Arztberuf zu labil.

Warum ich diese Einstellung problematisch finde

Ich habe mit dieser Einstellung so meine Probleme. Ich glaube, dass dabei der Fokus zu sehr auf die Defizite des Einzelnen gelegt wird. Die Arbeitsbedingungen auf der einen Seite und der unter Ärzten gepflegten Umgang mit Krisen und Problemen leisten ihren Beitrag zum Auftreten psychischer Erkrankungen.

Dabei möchte ich in diesem Artikel nicht primär auf die formalen Arbeitsbedingungen wie Schreibarbeit, Schichtdienst, Arbeitszeiten eingehen. Das ist ein eigener und sicherlich riesiger Themabereich, der sehr regelmäßig diskutiert wird.

Mir geht es um den zweiten Aspekt: Die meines Erachtens nach abwegige Idee, dass man das Problem der „Burnout-Epidemie“ durch die richtigen „Auswahl“ lösen könne. Durch diese Einstellung entsteht eine problematische Atmosphäre in Kliniken.

Meine Zeit in der Klinik

Deswegen möchte ich meine eigenen Erfahrungen aus der Klinikzeit schildern. Ich habe in meiner Klinikzeit in zwei Krankenhäusern gearbeitet, in einer Uniklinik und einem größeren Krankenhaus in der Unistadt. Die Abteilung, in der ich an der Uniklinik gearbeitet habe, unterschied sich in der Größe nicht sehr von der anderen Klinik, in der Atmosphäre aber sehr.

An der Uniklinik galt, dass es eine Frage der eigenen Stärke sei, ob man mit dem Druck klarkomme. Gelang das nicht, war dies der Fehler des Arztes selbst. Dementsprechend schwierig war es, sich unter den ebenfalls erschöpften Kollegen Hilfe zu holen: „Ich hab keine Zeit, dir zu helfen! Warum hängst du dich da überhaupt so rein? Die hat doch eh ‘nen Tumor … “.

Auch die Oberärzte hatten selbst kaum Zeit, die Jung-Ärzte in Ruhe einzuarbeiten und ihnen praktische Konzepte für die häufigsten Krankheitsbilder an die Hand zu geben. Es wurde einfach erwartet, dass „ der richtige Arzt“ diese Konzepte parat hat.

Das Team war entsprechend jung, weil andauernd Leute die Abteilung verließen – die meisten danach so verunsichert, dass sie entweder die Fachrichtung gewechselt haben, sehr weit weg an ein möglichst kleines Haus gegangen sind oder auch nicht selten überhaupt gar nicht mehr als Arzt mit Patienten gearbeitet haben.

Der rettende Wechsel

Mir ging es nicht anders. Ich war nach kurzer Zeit völlig verunsichert, weinte oft zu Hause, es kam zu Streitigkeiten mit meinem Partner und ich hatte das Gefühl, dass ich auch beruflich nichts mehr schaffte, obwohl ich 11–12 Stunden täglich in der Klinik war.

Zu meinem Glück hatte ich bereits noch in der Probezeit die Möglichkeit, an eine andere große Klinik in derselben Stadt zu wechseln. Das führte zwar zu einem gewissen Spießrutenlauf für die Dauer vom Einreichen der Kündigung bis zum letzten Arbeitstag (und auch zu wenig freundlichen Blicken im Rahmen der lokalen Fortbildungsveranstaltungen in den nächsten Jahren), war für mich aber auch im Nachhinein der richtige Schritt.

In der neuen Klinik, die ich bereits aus dem PJ kannte, bei der aber keine Stelle frei war, als ich mich nach dem Staatsexamen beworben hatte, war die Atmosphäre ganz anders. Es gab viele Alt-Assistenten, die einem halfen, wenn es Unsicherheiten gab.

Reger Austausch in Klinik Nr. 2

Auch der Oberarzt kam morgens und abends vorbei, um Fragen zu besprechen und Konzepte zu erarbeiten. Dabei ging es nicht nur um technisch/fachliche Fragen. Auch wenn es jemandem emotional nicht gut ging, wurde das offen angesprochen. Und es wurde auch kein Geheimnis draus gemacht, dass so ziemlich jeder mal nach einem Dienst geheult hatte. Es gibt eben üble Dienste, emotional total verfahrene Situationen und da kommen einem nach dem Dienst manchmal die Tränen – mal aus Trauer, mal aus Erschöpfung, manchmal weiß man nicht, warum, man ist einfach nur fertig.

Man bekam durchaus Manöverkritik, aber auch positive Rückkopplung. Außerdem wurden auch die Fälle besprochen, in denen man aufgrund des fulminanten Krankheitsverlaufs einfach nichts machen konnte. Ein Fall drohte beispielsweise einen gerade frisch gebackenen Facharzt zu traumatisieren. Er hatte einen ca. 40-jährigen Patienten mit pneumogener Sepsis bei bislang ambulant unerkannter B-Zell-Leukämie nicht retten konnte, obwohl er alles versucht hatte.

Irgendwann muss jeder einmal weinen

Selbst mit den Studenten wurde das Thema psychische Belastung immer mal wieder angesprochen. Auch ich habe es immer wieder thematisiert und erinnere mich an ein Mal, als eine Studentin richtig sauer wurde, weil ich sagte, dass so ziemlich jeder Arzt nach dem Dienst mal weine, dass das völlig normal sei und einen nicht als Arzt disqualifiziere. Überzeugen konnte ich sie nicht, sie war der felsenfesten Überzeugung, dass man „als richtiger Arzt nicht heult“.

Ein paar Wochen später kam die besagte Studentin zurück auf unsere Station, um sich zu bedanken. Auf meine Frage, wofür sie sich denn bedanken wolle, erklärte sie mir, dass sie vor kurzem einen sehr heftigen Dienst als Pjlerin hatte. Als sie mit Tränen in den Augen nach Hause fuhr, fiel ihr unsere Diskussion wieder ein und sie war sehr dankbar dafür, dass man ihr vorher erklärt hatte, dass diese Situation früher oder später bei jedem mal auftrete und sie das nicht als Ärztin disqualifiziere.

Umgang mit Krisen muss man lernen

Interessanterweise fällt mir kein Kollege aus diesem Krankenhaus ein, der nicht mit Patienten weitergearbeitet hätte. Diejenigen, die nach einiger Zeit dann doch aus der Klinik gingen, gingen größtenteils in eine Praxis, manche blieben auch nach dem Facharzt noch für ein paar Jahre. Es gab durchaus auch Kollegen, die über kurz oder lang merkten, dass das Arbeitstempo im Krankenhaus ihnen zu hoch war. Aber deswegen wurde nicht gleich die eigene Qualifikation in Frage gestellt, sondern eher überlegt, wo man als Arzt stattdessen arbeiten könnte.

Deswegen mein persönliches Fazit aus diesen Erfahrungen: Natürlich ist der ärztliche Beruf gerade in einigen Fachbereichen so anstrengend, dass nicht jeder das auf Dauer machen will oder kann. Und es gibt auch ein Zuviel, bei dem die Schwelle zum Burnout/Erschöpfungsdepression überschritten wird, dann liegt eine behandlungsbedürftige Erkrankung vor.

Aber wenn ich jemandem direkt bei der ersten Krise erzähle, er sei einfach nicht dazu gemacht, Arzt zu sein, kann er auch an diesen Krisen nicht wachsen und nicht daraus lernen, sondern wird schlimmstenfalls diese Einschätzung übernehmen und vielleicht überhaupt nicht als Arzt arbeiten.

Übung macht den Meister

Und für diejenigen, die jetzt über Kosten nachdenken: Wenn 40 Prozent der Jung-Ärzte, die für je 200.000–250.000 Euro ausgebildeten wurden, eine psychische Erkrankung haben, die ja bekanntermaßen häufig die Erwerbstätigkeit gefährdet, wird es sich höchstwahrscheinlich deutlich schneller rechnen, diese Quote zu verringern, als 10 Prozent mehr Studienplätze zu schaffen.

Das Arztsein hat meiner Meinung nach viel mit Übung zu tun. Nicht nur mit theoretischem Wissen und praktischen Fertigkeiten wie Blutabnehmen, sondern auch mit der psychischen Seite, der Umgang mit emotionaler Belastung, Verantwortung und Stress muss erlernt werden. Leider übt man diese Seite meist nicht im Studium, obwohl es für die dauerhafte Tätigkeit als Arzt eine extrem wichtige Eigenschaft ist. Niemand ist „als Arzt geboren“ und wir alle mussten uns erstmal in das Arztsein einfinden. Dafür braucht man aber Zeit und auch kollegiale Unterstützung.

Deswegen würde ich folgendes vorschlagen:


Kurzum: Lasst die Leute in ihren Krisen nicht allein nach dem Motto „Du bist zu schwach“ sondern gebt ihnen die Möglichkeit, in den Beruf hineinzuwachsen – so, wie wir alle mal reingewachsen sind.

 

Dr. Günter Gerhardt schrieb 02 November 2018

THEMEN DER ZEIT

Auswahl von Medizinstudierenden: Sollen, können – und aushalten

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): A-1799 / B-1514 / C-1500

LNSLNS

Der Arztberuf fordert nicht nur ein hohes Maß an Wissen und Fertigkeiten, sondern auch an Durchhaltevermögen und psychischer Belastbarkeit. In vielen Kompetenzprofilen stellt dieser Themenkreis immer noch ein Tabu dar, nicht jedoch im Erlanger Projekt „KomMedment“.

Foto: WavebreakMediaMicro / stock.adobe.com Foto: WavebreakMediaMicro / stock.adobe.com

Welche Fähigkeiten und Kompetenzen zeichnen eine erfolgreiche Ärztin oder einen guten Arzt aus? Diese Frage spielt angesichts der begrenzten Medizinstudienplätze eine große Rolle. Ziel der Zulassungsverfahren zum Medizinstudium muss es deshalb sein, die am besten geeigneten Bewerber und Bewerberinnen zu finden. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass außer dem Abitur weitere Kriterien zur Beurteilung der Eignung heranzuziehen sind (1). Doch welche? Selbstorganisation zur Bewältigung steigender Anforderungen, das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und Stärken außerhalb theoretischer Lerninhalte, die gezielte Weiterentwicklung eigener Kompetenzen und stetige Wissensaktualisierung sind einige Beispiele für Forderungen.

 

Zudem gibt es bereits erste Ansätze, mithilfe von Kompetenzprofilen, die geeigneten Voraussetzungen schon vor dem Beginn des Medizinstudiums abzubilden (24). Bei diesen Kompetenzen stellt allerdings ein Themenkreis immer noch ein Tabu dar: die psychische Gesundheit der Nachwuchsärzte.

Belastung bereits im Studium

Tatsache ist jedoch: Bereits bei Medizinstudierenden tritt eine starke psychische Belastung mit häufig schwerwiegenden Auswirkungen auf. Über 40 Prozent der Studierenden entwickeln bereits vor dem ersten Staatsexamen depressive Symptome (511), eine fast genauso hohe Zahl leidet nach dem Abschluss unter manifesten Depressionen, Angst- (12, 13) und Abhängigkeitserkrankungen (14, 15). Diese besorgniserregenden Prävalenzen gelten international und heben den dringenden Handlungsbedarf von Beginn des Medizinstudiums an hervor (11, 16). Insgesamt haben Ärztinnen und Ärzte die höchsten Selbstmordraten unter sämtlichen Berufsgruppen (1719).

Der Umgang mit der Verantwortung und Aufgabenlast im Medizinstudium und im medizinischen Alltag, die hohen Anforderungen durch den Umgang mit Patienten, Leistungsträgern und Mitarbeitern, die gesellschaftliche Garantenstellung und die tägliche Auseinandersetzung mit Leiden und Tod, sind bis zu einem gewissen Grad trainierbar (2022). Die Kompetenz, sich psychisch gesund zu halten und dadurch langfristig leistungsfähig und stabil zu bleiben, wird allerdings bislang im medizinischen Ausbildungscurriculum nahezu völlig vernachlässigt.

Notwendig sind deshalb valide und überall in Deutschland einsetzbare Werkzeuge, die bereits bei der Auswahl Medizinstudierender mit der höchsten Wahrscheinlichkeit diejenigen identifizieren, die sich aufgrund ihrer Kompetenzen sowohl zu fachlich qualifizierten Ärzten entwickeln können als auch in ihrem klinischen Alltag psychisch stabil bleiben.

Test der psychischen Stabilität

Vor diesem Hintergrund wurde das Erlanger Projekt „KomMedment“ (Kompetenzen Medizinstudierender im Zusammenhang mit mentaler Gesundheit), entwickelt (siehe Kasten). Die Anforderungen an Medizinstudierende lassen sich so sinnvoll und umfänglich erfassen und in einen Kontext mit der psychischen Stabilität der künftigen Ärzte als relevanten Faktor für die ärztliche Tätigkeit setzen.

Ziel war, die Kompetenzen für den Hochschulstandort Erlangen zu identifizieren, die angehende Medizinstudierende einbringen und (weiter)entwickeln müssen, um im professionellen Kontext leistungs- und belastungsfähig sowie gesund zu bleiben (25). Gewisse Anforderungen an die Studierenden sind dabei ubiquitär vorhanden, andere sind abhängig von den Gegebenheiten des Studienortes. Beispielsweise können das Curriculum vor Ort und die zusätzlichen Lern- und sozialen Angebote entscheidenden Einfluss nehmen.

Erste Ergebnisse zeigen: Vor dem Hintergrund der zahlreichen, stressbeeinflussten, psychischen Erkrankungen bei Ärztinnen und Ärzten ist eine gezieltere Auswahl und Rekrutierung bereits beim Eintritt in die universitäre Ausbildung längst überfällig. Auch wenn ein initialer Aufwand durch die Erstellung des Kompetenzprofils für die Fakultäten anfällt, überwiegen die möglichen Vorteile einer solchen Investition. Für die Universitäten könnte die Auswahl von belastbarerem, wissenschaftlichem Nachwuchs erleichtert werden. Gleichzeitig würden bei einer Auswahl nach individuellen Kompetenzen, die einen guten, universell einsetzbaren Mediziner definieren, auch viel eher die Kriterien erfüllt, welche in der politischen Diskussion um Landärzte und Allgemeinmediziner gefordert werden.

Der Nationale Kompetenzorientierte Lernzielkatalog Medizin/Zahnmedizin (26) definiert das zu erwerbende Wissen und die Fähigkeiten der Studierenden (27). Die Identifizierung eines speziellen Anforderungsprofils für Medizinstudierende kann eine neue Perspektive für den Auswahlprozess darstellen. In den mitgebrachten Kompetenzen, vergleichbar zum Lernprozess (28), bestehen Unterschiede zwischen den Studierenden, denen Rechnung getragen werden sollte. Denn psychisch erkrankte Ärzte stellen ein Risiko für sich und ihre Patienten dar (17, 2931).

Eine gezieltere Auswahl bereits beim Eintritt in die universitäre Ausbildung könnte auf mehreren Ebenen positive Effekte mit sich bringen. Auch wenn ein initialer Aufwand für die Fakultäten anfällt, überwiegen die möglichen Vorteile. Für die Universitäten könnte die Auswahl von belastbarerem, wissenschaftlichem Nachwuchs erleichtert werden. Gleichzeitig würden auch die Kriterien erfüllt, welche in der politischen Diskussion um Landärzte und Allgemeinmediziner gefordert werden.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Michael Scholz, Dr. med. Dr. rer. nat. Pascal Burger,
Prof. Dr. med. Friedrich Paulsen,

Universität Erlangen-Nürnberg

Literatur und Anforderungsanalyse
unter: www.aerzteblatt.de/lit4118
oder über QR-Code

Das Projekt „KomMedment“

Bei dem Erlanger Projekt „KomMedment“ (Kompetenzen Medizinstudierender in Zusammenhang mit mentaler Gesundheit) wurde in Zusammenarbeit mit dem Centrum für Kompetenzbilanzierung (CeKom SÜD, Pforzheim) und einem lokalen Kompetenzteam ein Sollprofil für Medizinstudierende an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg erarbeitet.

Dabei stellen die Kompetenzen „Fähigkeiten zum selbstorganisierten Denken und Handeln“ (23, 24) dar. Für die Einschätzung der Fähigkeiten der Studierenden wurde mit dem KODE®Verfahren (Kompetenz-Diagnostik- und Entwicklung) ein etabliertes und differenziertes Diagnostik-, Trainings- und Coaching-Tool eingesetzt (2), das personale Kompetenz, Aktivitäts-und Handlungskompetenz, Fach- und Methodenkompetenz sowie sozial-kommunikative Kompetenz unterscheidet.

Aus KODE® wurden 16 Schlüsselkompetenzen ermittelt und unter erfolgskritischen Gesichtspunkten für das Medizinstudium der FAU angeordnet. Die meisten der 16 Kernkompetenzen kamen aus den Bereichen Fach- und Methodenkompetenz (5/16) und der personalen (6/16) Kompetenz. Aktivitäts-/Handlungskompetenz (3/16) sowie sozial-kommunikative Kompetenz (2/16) erschienen weniger notwendig bei dem in Erlangen bestehenden, klassischen Curriculum. Für die Erstellung des Erlanger Kompetenzprofils wurden Teilnehmer ausgewählt, die einen möglichst aussagekräftigen Querschnitt durch die an der Lehre beteiligten Dozenten und Studierenden unterschiedlichen Ausbildungsstandes abbildeten. Alle teilnehmenden Studierenden sind/waren zudem gleichzeitig an der Lehre der FAU bei verschiedenen Lehrveranstaltungen als Tutoren beteiligt.

Themen: Studienplatzvergabe Arztberuf

Auswahl von Medizinstudierenden: Sollen, können – und aushalten

 

Zum Artikel

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Dr. Günter Gerhardt schrieb 13 November 2018

Gehen Klinikärzte für mehr Zeit auf die Barrikaden?

Ich bitte darum liebe Kolleginnen und Kollegen, im ambulanten Bereich haben wir das leider verlernt.

                                                          Wir halten mehr Backen hin als wir haben

Nur im Streit untereinander sind wir Spitzenreiter innerhalb der verschiedenen Berufen. Hausärzte gegen Fachärzte, Politik und Krankenkassen lachen sich tot. Der Streit wird von der Politik provoziert, lenkt ab, trübt den Blick...Wie anders konnte das Antikorruptionsgesetz ohne Gegenwehr durchgewunken werden?

Vielleicht ist der Protest der Klinikärzte ja ein Weckruf für die Niedergelassenen.

 

Dr. Günter Gerhardt schrieb 13 November 2018

Gehen die Klinikärzte für mehr Zeit bald auf die Barrikaden?

Im Marburger Bund wird um die richtige Strategie für künftige Tarifverhandlungen gerungen. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach mehr Zeit – für Patienten, für die Familie, zur Regeneration. Aber die alles entscheidende Frage ist: Wie kampfbereit sind die Mitglieder?

Von Christiane Badenberg

Werden Klinikärzte bald wieder die Arbeit niederlegen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen? Die Stimmung scheint danach zu sein. © Rehder/dpa

Berlin. Wie kriegt man die Ärzte auf die Straße, um für ihre Anliegen zu kämpfen? Und wie schafft es der Marburger Bund, die unterschiedlichen Interessen seiner Mitglieder bei Tarifverhandlungen unter einen Hut zu bringen? Denn die liegen zum Teil weit auseinander. Ärzte an Unikliniken haben andere Erwartungen als ihre Kollegen an kleinen Krankenhäusern, die sich um die Zukunft ihrer Kliniken sorgen.

Diese Fragen standen im Mittelpunkt der 134. Hauptversammlung des Verbandes am Wochenende in Berlin. Über das Zukunftskonzept für die Weiterentwicklung der Tarifverträge wurde so emotional und konzentriert wie selten diskutiert. Das Konzept kreist vor allem um ein Thema: Die Gesamtarbeitslast der Ärzte soll reduziert werden. Fast jede Wortmeldung der Delegierten machte deutlich: Das geht in die richtige Richtung. Das Konzept sieht unter anderem vor:

- Einführung einer regelmäßigen (Kern-)Arbeitszeit montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr, bei einer 38,5 oder 40-Stunden-Woche. Wird die geplante tägliche Arbeitszeit überschritten, soll dies sofort als Überstunde gelten. „Mehrarbeit“ soll es nicht mehr geben.

- Automatische Erfassung der Arbeitszeit, durch vom MB lizenzierte Systeme.

- Mindestens zwei freie Wochenenden pro Monat, die sich auf die Zeit zwischen Freitag 18 Uhr und Montag sechs Uhr erstrecken.

- ,Keine Vollarbeit und keine Rufbereitschaft nach einem Bereitschaftsdienst.

- Maximal zwei Bereitschaftsdienste pro Woche, in einem einzelnen Monat höchstens sechs und im Quartal maximal zwölf. Wird ein Arzt während der Rufbereitschaft zwischen 23 und sechs Uhr in Anspruch genommen, verlängert sich die Ruhezeit um sieben Stunden.

- Einführung eines nicht-ortsgebundenen Bereitschaftsdienstes. Hier müsste lediglich sichergestellt werden, dass der Bereitschaftsarzt innerhalb von 30 Minuten am Arbeitsplatz erscheint.

- Mehr Planbarkeit bei den Dienstplänen. Liegt fünf Wochen im Voraus kein Dienstplan vor, soll es auf alle Bezüge einschließlich aller Zuschläge einen Zuschlag von 20 Prozent geben. Wird ein Arzt erst bis zu 96 Stunden vor Dienstbeginn nachträglich eingeteilt, soll der Aufschlag 30 Prozent betragen. Bei einer Einteilung weniger als 24 Stunden vor Dienstbeginn soll der Verdienst um 50 Prozent steigen.

Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um ein Zukunftskonzept. Mit welchen konkreten Forderungen der Marburger Bund in die nächsten Tarifverhandlungen mit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) gehen will, wird erst Mitte Dezember festgelegt. Aber der Druck aus der Hauptversammlung auf den Vorstand und die Große Tarifkommission ist erheblich, in absehbarer Zeit den Manteltarifvertrag mit der VKA zu kündigen. So heißt es in einem Beschluss: „Ziel muss die weitestmögliche Umsetzung der nach Diskussion mit den Mitgliedern auf Grundlage des Konzepts entwickelten Forderungen sein. Sofern hierfür die Kündigung des Tarifvertrags-Ärzte/VKA nötig ist, darf dieser Schritt nicht weiter verzögert werden.“

Allerdings machten mehrere Vorstandsmitglieder klar, dass der Weg zu einem neuen Manteltarifvertrag zu kommen, nicht einfach sein wird. Viele von ihnen haben Erfahrungen aus dem Jahr 2006, als sich die Ärzte zum ersten Mal einen eigenen Tarifvertrag erstreikt haben. Die Kollegen dazu zu bringen, die Arbeit niederzulegen und gleichzeitig den Druck aus der Geschäftsleitung auszuhalten, belastet die Streikleiter vor Ort enorm.

Deshalb warnt der MB-Vorsitzende Rudolf Henke vor einem Schnellschuss. „Es wäre unverantwortlich, alles was wir erreicht haben, zur Disposition zu stellen. Wir brauchen Streikleiter vor Ort, die Öffentlichkeit muss unsere Forderungen verstehen können, und wir müssen uns sicher sein, dass wir weiterkommen als im Jahr 2006, wo die Streikbereitschaft enorm groß war“, sagte Henke. Für ihn ist die alles entscheidende Frage: „Wo stehen wir in der Mobilisierung?“ Das gelte es nun vor Ort in den Krankenhäusern zu klären.

 

Wir brauchen Streikleiter vor Ort, die Öffentlichkeit muss unsere Forderungen verstehen, und wir müssen sicher sein, dass wir weiterkommen als 2006, wo die Streikbereitschaft groß war.

Rudolf Henke Vorsitzender des Marburger Bundes

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