Hohe Sterberate bei Beatmungspatienten

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  • Letzter Beitrag 21 April 2020
Dr. Günter Gerhardt schrieb 17 April 2020

Bislang waren immer die fehlenden Beatmungsgeräte das Thema, doch jetzt erfahren wir, dass gerade die beatmenden Corona-Patienten besonders häufig versterben.

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Dr. Günter Gerhardt schrieb 17 April 2020

Corona: Hohe Sterberate bei Beatmungspatienten

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Beatmung bei Covid-19 doch nicht so lebensrettend

Ein Beispiel für die verwirrende und gleichzeitig völlig sinnlos Panik verbreitende Berichterstattung der Mainstream-Medien und auch dafür, wie wenig Ärzte zu wissen scheinen, ist jene über Beatmungsgeräte und deren Sinnhaftigkeit bei schweren Covid-19-Verläufen. 

Seit Wochen werden Beatmungsgeräte fast schon als einzige Überlebenschance in der weltweiten Corona-Pandemie dargestellt. Tesla, GM und Ford stellen statt Autos nunmehr Beatmungsgeräte her. In Deutschland erhält das Lübecker Familienunternehmen Dräger (Hersteller für Medizin- und Sicherheitstechnik) einen 200-Millionen-Euro-Auftrag für 10.000 Beatmungsgeräte - und zwar direkt von der Bundesregierung, die u. a. damit die Zahl der mit Beatmungsgeräten ausgestatteten Intensivbetten (bis zum Jahresende!) um ein Drittel erhöhen möchte (5). 

Auch in der Schweiz liest man beim SRF Mitte März: "Knappheit wegen Coronavirus, Neue Beatmungsgeräte – aber woher? Der Bund bestellt 900 zusätzliche Beatmungsgeräte für Schweizer Spitäler. Doch reicht das wirklich im Ernstfall?" (6)

Seit wenigen Tagen nun erfahren wir, dass die Sterberate bei intubierten Covid-19-Patienten besonders hoch sei und eine künstliche Beatmung nur eine Minderheit überleben lässt.

Vor Wochen hiess es: „Wer kein Beatmungsgerät bekommt, stirbt!“

Uns wurde wochenlang Angst und Schrecken eingeflösst mit der Aussage, die Beatmungsgeräte auf den Intensivstationen könnten nicht ausreichen und Ärzte müssten – wie es angeblich in Italien der Fall ist (war) – im Zweifel entscheiden, welchen Patienten sie aufnehmen und an die Beatmung anschliessen und welchen sie sterben lassen.

Im Juristen-Fachblatt Legal Tribune Online beispielsweise hiess es am 23.3.2020 (1), „bis zum Ende der Corona-Pandemie prognostiziert die Bundesregierung wenigstens 50 Millionen Infizierte, von denen 2,5 Millionen zum Überleben auf eine rund zehntägige künstliche Beatmung angewiesen sein werden. […] Was ein Überschreiten der Kapazitäten bedeutet, zeigt das Beispiel Italien: "Jedes Beatmungsgerät wird zu Gold". Wer keines bekommt, stirbt.“

Jeder glaubte dank dieser und ähnlicher Berichterstattung, dass ein Beatmungsgerät das Überleben garantiert.

Jetzt heisst es: „Sterberate bei Beatmungspatienten besonders hoch!“

Seit wenigen Tagen aber (Stand 17.4.2020) liest man nun, dass es vielleicht besser ist, gar nicht erst an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu werden. Denn bei den intubierten Patienten ist die Sterberate besonders hoch und Ärzte rätseln, warum das wohl so sei. In einem Artikel im Merkur (2) werden einige diesbezügliche Studienergebnisse genannt (wie üblich beim Merkur ohne Quellenangabe):

In der Stadt New York seien 80 Prozent der infizierten Personen, die an Beatmungsgeräten angeschlossen waren, verstorben (7). Aus London käme ein Bericht, demzufolge von 1053 intubierten Covid-19 Patienten, nur 355 überlebten (8) – und eine kleine Studie aus Wuhan (China) brachte ans Tageslicht, dass von 22 beatmeten Patienten fast alle, nämlich 19 starben (3).

Warum Beatmungsgeräte so wenige Menschen retten

Nun wird über mögliche Gründe spekuliert. Natürlich sind jene Patienten, die intubiert werden müssen, schon vor der künstlichen Beatmung schwer krank und hatten somit ein hohes Sterberisiko.

Auch sind bekanntlich die meisten Corona-Todesopfer höheren Alters und litten dazu noch an – meist zahlreichen – Vorerkrankungen, so dass auch eine künstliche Beatmung hier keinen rettenden Einfluss mehr haben konnte (völlig unabhängig davon, ob sie zusätzlich Corona-positiv waren oder ein anderes Virus/eine andere Infektion hatten).

Allerdings werde wohl auch überlegt, ob es nicht an den Beatmungsgeräten selbst liegen könnte, die letztendlich zu einem verfrühten Tode führten – etwa weil sie eine besonders schädliche Immunreaktion auslösten (2), weil sie die Viren erst recht in den Lungen verteilten und die schützende Lungenschleimhaut austrockneten.

Die neue Strategie scheint daher nun zu sein, den Anschluss an Beatmungsgeräte möglichst lange hinauszuzögern. Was aber, wenn eine künstliche Beatmung unumgänglich wird?

Jeder Patient braucht eine individuell abgestimmte Beatmungstherapie!

Eine wichtige Veröffentlichung der Universität Göttingen (4) ergab dazu, dass es alles andere als sinnvoll sei, jedem Covid-19-Patienten dieselbe Beatmungstherapie angedeihen zu lassen, da hier ein individuelles Vorgehen erforderlich sei. Was dem einen Patienten helfe, könne für den anderen fatal oder nicht ausreichend sein, so die Forscher – was offenbar bisher nicht berücksichtigt wurde.

Bislang lag auf der Bevölkerung also ein enormer Druck, weil jeder aufgrund der Knappheit an Beatmungsgeräten fürchtete, im Falle eines Falles vielleicht keines mehr abzukriegen und sterben zu müssen. Diesbezüglich kann man jetzt offenbar aufatmen, da Beatmungsgeräte alles nur keine Garantie auf Überleben darzustellen scheinen.

Kommt man selbst oder ein Angehöriger mit entsprechenden Symptomen in die Klinik, kann man nur hoffen, dass die dort agierenden Ärzte von der Göttinger Veröffentlichung wissen und die Inhalte anwenden.

Dr. Günter Gerhardt schrieb 21 April 2020

Auch Menschen sterben, die nicht beatmet werden mussten

Der Bericht deckt sich auch mit einigen Erkenntnissen aus Basel. Etwa, dass bei einem Großteil der Toten Herzerkrankungen vorlagen. 55 von 61 der in Hamburg Untersuchten hatten laut Bericht eine "kardiovaskuläre Vorerkrankung", also Bluthochdruck, einen Herzinfarkt, Arteriosklerose oder eine sonstige Herzschwäche. 46 Obduzierte hatten eine Vorerkrankung der Lunge. 28 hatten Schäden an anderen Organen wie Nieren, Leber oder Transplantationsorgane. 16 waren demenzkrank, weitere hatten bereits eine Krebserkrankung, schweres Übergewicht oder Diabetes.

Weltweit gibt es bisher nur wenige systematische Studien zu Obduktionen von Covid-19-Toten. Ärzte der Uniklinik Peking präsentierten Ende März Erkenntnisse von 29 Obduktionen. Sie betonten, dass das Virus nicht nur die Lunge, sondern auch das Immunsystem und andere Organe angegriffen habe. In der Fachzeitschrift Lancet berichteten Pathologen der Universität Zürich von Hinweisen, dass das Virus schwere Gefäßentzündungen in verschiedenen Organen ausgelöst habe. Sie hatten zwei Verstorbene und einen Überlebenden untersucht. Dies könnte erklären, warum auch Patienten starben, die nicht beatmet werden mussten.

In Italien veröffentlichte die Gesundheitsbehörde einen Bericht, der die Vorerkrankungen von 1738 verstorbenen Patienten auflistete. Der Bericht bezieht sich aber nicht auf Obduktionen, sondern lediglich auf Angaben aus den Krankenakten. Am häufigsten waren auch dort Bluthochdruck, Diabetes und Erkrankungen der Herzkranzgefäße.

Die viel diskutierte Frage, ob die Patienten mit oder an dem Virus sterben, versucht nur der Bericht des Hamburger Rechtsmediziners Klaus Püschel zu beantworten. Bei 61 von 65 Verstorbenen wurde Covid-19 als Ursache für den Tod vermerkt. Bei den übrigen vier war die Viruserkrankung nicht ursächlich für den Tod.

Diese Unterscheidung hält der Basler Pathologe Tzankov für "akademisch". "Wenn ich eine Krebserkrankung habe und noch ein halbes Jahr lebe und mich ein Auto überfährt, dann mindert das ja auch nicht die Schuld des Autofahrers", sagt er. Die Lebenserwartung der Verstorbenen mit vielen Vorerkrankungen sei sicher kürzer gewesen als die von Gesunden. "Aber alle diese Patienten hätten wahrscheinlich ohne Covid-19 länger gelebt, vielleicht eine Stunde, vielleicht einen Tag, eine Woche oder ein ganzes Jahr."

 

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