Wegen "Getürktes Lob für Praxen" wird der MT gedroht!

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  • Letzter Beitrag 12 Januar 2017
Dr. Günter Gerhardt schrieb 08 Januar 2017

Der Stein des Anstosses: Das Wort getürkt: Praxisinhaber sollen für getürkte Lobhudeleien blechen. Provider kennen das Problem.

 

Ihre Meinung dazu würde mich liebe Kolleginnen und Kollegen interessieren.

lschul schrieb 12 Januar 2017

 

In unserem letzten Medizinjornalismus-Seminar beschäftigten wir uns mit einer Aussage der Medical-Tribune. Diese betitelte in einem Bericht über gefälschte Praxisbewertungen, der sog. Bewertungsmafia, die Bewertungen als „getürkte Lobhudelei“. Diese Aussage sorgte in der Türkei für mächtige Kritik; diese Aussage sei diskriminierend, wie die türkische Zeitung Hürriyet schrieb. Es ging sogar soweit, dass die Autoren der Zeitung Protestbriefe erhielten und sogar persönlich bedroht wurden.

 

Wir diskutierten nun inwieweit nun dieser Aufschrei in der Türkei gerechtfertigt ist und ob man das Wort getürkt nun besser nicht mehr benutzen sollte. Zunächst haben wir uns mit der Bedeutung des Begriffes beschäftigt. Das Wort „türken“-  übersetzt fälschen – findet man sogar im Duden geschrieben. Laut Duden ist die Wortherkunft unklar, es wird aber auch darauf hingewiesen, dass das Wort im öffentlichen Sprachgebrauch vermieden werden sollte, da es von türkischstämmigen Mitbürger(inne)n als diskriminierend empfunden werden könne. So warf auch ein Mitstudent ein, dass doch eigentlich gar keine Notwendigkeit bestehen würde, das Wort zu benutzen, da es ja so viele andere Wörter gibt um dieselbe Sache zu vermitteln. Dennoch stellte sich natürlich die Frage, warum gerade jetzt dieser Zeitungsartikel in der Türkei für so viel Aufregen sorgte - „Wir haben zurzeit andere Probleme in der Türkei“, so ein türkischstämmiger Mitstudent. Im weiteren Verlauf der Diskussion, warf ein Kommilitone ein, dass es ja gerade zum Trend wird, im Zuge der „political correctness“, alles umzubenennen zum Schutz etwaiger Angesprochenen (bestes Beispiel wäre z.B. die Verwendung der männlichen UND weiblichen Form bei Berufsgruppen – Arzt/Ärztin) Dies sei manchmal aber doch sehr übertrieben, alles und jeden umzubenennen oder gar aus dem Wortschatz zu streichen. Dann müsste man die gesamte deutsche Sprache nach ähnlichen Fällen „scannen“. Weiterhin stellten wir uns dann die Frage, ob sich die Deutschen auch durch bestimmte Wörter diskriminiert fühlen, wie z.B. durch das Synonym „Kartoffel“ für den deutschen Mitbürger. In Großbritannien würde der Begriff „Nazi“ oft umgangssprachlich benutzt. Hier warf aber jemand ein, dass aber auch ein Unterschied zwischen dem Wort „Nazi“ und „getürkt“ bestehen würde und man das nicht vergleichen könne, angesichts der geschichtlichen Wortherkunft von „Nazi“.

 

Mehrheitlich waren wir uns einig, dass die Reaktion der türkischen Zeitung übertrieben war, aber man dennoch als Zeitungsverlag das Wort „getürkt“ in Titelüberschriften in Zukunft weglassen sollte, um eine unnötige Provokation zu vermeiden.  Dennoch sei vor allem die Bedrohung oder das Angreifen eines Journalisten, nur weil er einen Begriff verwendet, der allgemein Verwendung in unserer Sprache findet, vollkommen überzogen. So sei bei „Pipi Langstrumpf“ zum Schutz der Historie der Geschichte das Wort „Neger“ auch nicht aus der Geschichte gestrichen worden. Oft denken wir über die Benutzung von Begriffen gar nicht nach und benutzen sie auch gar nicht um jemanden absichtlich diskriminieren zu wollen. Als Beispiel sei hier der „Mohrenkopf“ zu nennen, der in erster Hinsicht bei der Benennung sicherlich keine bösen oder diskriminierenden Absichten hatte. So heißt dieser in der arabischen Sprache auch „Kopf des Schwarzen“, einfach, weil er rein nach dem Aussehen beschrieben wird ohne direkt mit einer Wertung einherzugehen. So gibt es Wörter, die früher eine andere Bedeutung hatten und gar nicht negativ behaftet waren, welche erst im Laufe der Zeit dann aber einen negativen Zug durch bestimmte Vorkommnisse erhielten. Unser abschließendes Fazit lautet, dass man in Zukunft bewusster auf die Verwendung mancher Wörter achten sollte und es immer wichtig ist, in welchem Zusammenhang ein bestimmtes Wort benutzt wird.

 

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